Moral im Unternehmen

 

Am Anfang einer Investition in eine Aktie/ein Unternehmen wäre es vielleicht sinnvoll, neben den
"harten Fakten" eines Unternehmens (siehe dazu auch Menupunkt "Fundamentales"), also dem Zahlenwerk
der Bilanz , der Marktposition, den Produkten des Unternehmens etc. auch festzustellen, welchen
Personen der Anleger für einen gewissen Zeitraum sein Geld anvertrauen möchte. Für einen Daytrader ist
dies sicher nicht von großer Bedeutung, aber für Anlegerkreise, die dem Unternehmen ihr Geld
eventuell über Jahre oder gar Jahrzehnte anvertrauen möchten, macht es aus meiner Sicht schon
Sinn, die Entscheidungsträger im Unternehmen, also Großaktionäre, Vorstände und Aufsichtsräte
genauer unter die Lupe zu nehmen. Es gibt hier sicher nicht die allein gültigen Verhaltensregeln,
an denen die "Qualität" einer Führungsriege zu messen ist. Dafür sind die Menschen zu unterschiedlich.
Dennoch meine ich, dass der Anleger versuchen sollte, bestimmte Eigenschaften des Führungsteams
in Erfahrung zu bringen. Als ideale Eigenschaften könnten vielleicht folgende genannt werden:

zu Punkt 1) Ein Vorstand arbeitet in der Regel nicht alleine in einem börsennotierten Unternehmen.
Er sollte demnach die Fähigkeit besitzen, seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu motivieren. Denn
letztlich entscheidet auch die Einsatzfreude der Mitarbeiter über den Erfolg oder Misserfolg eines
Unternehmens. Die meisten Mitarbeiter werden zum Beispiel vermutlich nicht ganz genau bei der Arbeitszeit auf
die Uhr sehen, wenn das Gefühl vorhanden ist, dass der jeweilige Mitarbeiter insgesamt fair vom Vorstand
und/oder der Führungsmannschaft des Unternehmens behandelt wird. Fühlt sich der Mitarbeiter
ungerecht behandelt, so steigt sicherlich die Tendenz, Arbeit nur noch nach Vorschrift zu erledigen.

zu Punkt 2) Ab einem bestimmten Bildungsgrad sollte eine "Grundintelligenz" vorausgesetzt werden
können. Ob diese "Grundintelligenz" jedoch gleichzeitig zu richtigen Entscheidungen führt, ist fraglich.
Insgesamt ein sehr schwer zu überprüfendes Kriterium. Vielleicht ist es sinnvoll, die Intelligenz des
Führungsteams an den in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen und den damit verbundenen
Auswirkungen zu überprüfen!? Ein Manager, der vor einigen Jahren einen kleinen Geschäftsteil des
Unternehmens verkauft hat, der zum aktuellen Zeitpunkt mehr wert ist, als das gesamte restliche
Unternehmen (realer Vorfall), kann nicht als vorausschauender/intelligenter Manager eingestuft
werden. Wer als Manager in der Hochkonjunktur Unternehmen teuer zukauft, die dann in der
sicher folgenden Rezession erheblich weniger wert sind, kann ebenfalls nicht als guter/intelligenter
Manager eingestuft werden.

zu Punkt 3) Ein Chemiker, der in einem Chemieunternehmen als Manager tätig ist, sollte Sachkenntnis
besitzen. Ein Ingenieur, der in einem Maschinenbauunternehmen als Manager tätig ist, ebenfalls.
Sachkenntnis kann aber auch dadurch erworben werden oder vorhanden sein, in dem sich Manager
diese durch eine lange Betriebszugehörigkeit erwerben. Oder es handelt sich um Manager, die
bereits für andere Unternehmen tätig waren. Unternehmen, die entweder im gleichen Geschäftsfeld
tätig sind oder in einem ähnlichen Geschäftsfeld. Nicht zu vergessen natürlich die Gründer, die ein
Unternehmen und das zugehörige Geschäft von Grund auf kennen.

zu Punkt 4) Menschen sind unterschiedlich. Keine Neuigkeit. Und jeder Mensch hat seinen eigenen
Charakter. Auch nicht wirklich neu. Der Vorstand eines Unternehmens ist nun aber die Person, die
auf Kunden und Mitarbeiter inspirierend oder auch destruktiv einwirken kann. Eine Vorstandstätigkeit
ist meistens keine Verwaltungsarbeit. Denn Unternehmen stehen miteinander im Wettbewerb. Ein
Vorstand ohne Energie und Eigenmotivationsfähigkeit ist vermutlich nicht die beste Wahl für die
Führungsposition in einem Unternehmen. Er sollte in der Lage sein, Rückschläge und Niederlagen
schnell zu verarbeiten und sich dann mit Tatkraft auf neue Situationen einstellen. Natürlich sollte er
mit seiner Vorbildfunktion auch seine Mitarbeiter und dem Unternehmen nahe stehende Kreise
mitnehmen können.

zu Punkt 5) Unternehmen wandeln sich ständig im Lauf der Zeit. Der Produktmix verschiebt sich
im Lauf von Jahren teilweise sogar komplett. Neue Möglichkeiten werden genutzt. Die Produktion
von alten Produkten vielleicht sogar eingestellt!? Innovationen sind wichtig für das Überleben des
Unternehmens. Natürlich muss nicht jede Innovation mit getragen werden. Manchmal liegt der
Erfolg eines Unternehmens auch darin begründet, sich bewusst gegen zu schnelle Handlungen
entschieden zu haben oder einem Modetrend nicht hinterhergelaufen zu sein. Welche Einzelfälle
auch immer den Erfolg eines Unternehmens sicher stellen helfen, so ist meiner Meinung nach
klar, dass ein Vorstand, der auf Dauer weder neue Wege findet noch sie geht auch nicht die beste
Wahl sein könnte. Vielleicht ein Anhaltspunkt für potentielle Neuerungen in der Zukunft!?
Schauen Sie sich einmal an, wieviel ein Unternehmen in eigene Forschung- und Entwicklungsaktivitäten
investiert! Fragen Sie bei der IR-Abteilung oder beim Vorstand nach, wie lange Produkte bereits
am Markt sind, ohne wesentlich verändert worden zu sein und vergleichen Sie die Angaben mit
anderen Unternehmen aus der Branche.

zu Punkt 6) Vielleicht der wichtigste aller genannten Punkte. Für mich ein absolutes knock out
Kriterium, wenn Integrität/Loyalität der Führungsriege für die Firma, die Mitarbeiter, die Aktionäre
und/oder die Kunden fehlt. Denn das bedeutet für den Aktionär in aller Regel, dass er langfristig
mit einer nichtintegren Führungsebene sein Geld zumindest teilweise verlieren wird. Denn selbst
wenn das Unternehmen in einer Boombranche tätig ist, wird die Führungsebene alles tun, um
entstehende Gewinne unter sich aufzuteilen. Nicht unter den Aktionären und auch nicht unter den
Mitarbeitern. Versuchen Sie heraus zu finden, ob das Management integer ist oder nicht. Ein
Anhaltspunkt für nicht integres Verhalten kann sein, dass das Management (der Vorstand) stets
Ziele für die Zukunft verkündet, die jedoch immer deutlich verfehlt werden. Und zwar so, dass die
realen Gewinne den versprochenen Gewinnen dauerhaft und drastisch hinterher hinken.
Ein Vorstand, der eine solche Linie fährt, handelt nicht notwendigerweise unloyal. Aber Sie als
Aktionär werden aber scheinbar dauerhaft angelogen. Nicht wirklich eine gute Grundlage, in diese
Personengruppe langfristig Geld zu investieren.
Eine andere Variante für eher nicht integres Verhalten ist es, wenn sich der Vorstand (und evtl.
Aufsichtsrat) stock options "gewähren", die zum Zeitpunkt der Auflegung unter dem aktuellen
Aktienkurs in einigen Jahren eingelöst werden können. Ein Beispiel: Nehmen wir an, der
Aktienkurs von Firma XY stünde per heute bei 20 Euro. Es werden stock options aufgelegt
(als "Anreizsystem" und Ansporn für den Vorstand), die nach 2 Jahren bei 10 Euro eingelöst
werden können. Anders ausgedrückt: In 2 Jahren kann der Vorstand Aktien für 10 Euro kaufen
und sie unmittelbar wieder für 20 Euro verkaufen (falls der Aktienkurs unverändert notiert). Wo
ist dann der Anreiz für den Vorstand irgend etwas positiv zu bewegen? Der Vorstand erhält ja
zusätzliches Geld, ohne irgend etwas zu tun. Diese Art von stock options sind ein
Selbstbedienungsprogramm der Führungsebene.
Nächster Anhaltspunkt für eventuell nicht integres Verhalten ist eine überaus hohe Zahlung von
Gehältern. Dieser Punkt muss aber kritischer beleuchtet werden. Denn wenn ein Vorstand es
schafft, ein Unternehmen zur Blüte zu bringen und wenn gleichzeitig bei der Konkurrenz etwas
vergleichbares nicht statt findet, dann können höhere Gehälter durchaus gerechtfertigt erscheinen.
Hier kann der Anleger vergleichbare Firmen heran ziehen und in den jeweiligen Geschäftsberichten
Vergleiche über die Gehälter von Vorstand und Aufsichtsrat heran ziehen, aber natürlich auch
über die Leistung dieser Firma.
Ein weiteres Indiz für nicht integres Verhalten kann es sein, wenn Aktionäre Anlagevermögen
oder andere Unternehmen teuer kaufen, diese aber später deutlich billiger wieder verkauft werden.
Besondere Brisanz bekommt dieser Punkt dann, wenn Vorstand oder Aufsichtsrat an sich selbst
oder an nahestehende Unternehmen (im Sinne einer personellen Verknüpfung oder Kapitalverknüpfung)
billig verkaufen und umgekehrt andere Unternehmensteile von der öffentlichen AG teuer gekauft
werden. Sie denken, dass gibt es nicht oder das ist strafbar und deshalb macht es keiner???
Falsch, ich könnte hier ein paar börsennotierte Unternehmen nennen, die genau dies praktizieren
und mir ist nicht klar, warum diese Personen ihr "Werk" ungehindert fortsetzen können.
Wie dem auch sei:
Als Kleinanleger haben Sie nicht die Möglichkeit, Unternehmen oder Personen in Unternehmen
zu verändern beziehungsweise auszutauschen. Sie können lediglich für sich beschliessen,
Ihr Geld nicht in derartige Unternehmen zu stecken, falls Sie langfristiges Interesse als Anleger
hegen.

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