Aktivseite für Aktionäre

 

Einen ersten Blick auf die Aktivseite einer Bilanz wurde bereits im Menupunkt "Inventur-Inventar" geworfen.
Unter diesem Menupunkt soll nun erläutert werden, worauf ein Aktionär unter anderem sein Augenmerk
richten sollte, wenn er eine Aktivseite einer Bilanz versucht zu analysieren bzw. zu interprätieren.
Unter anderem sehe ich es als wichtig an, auf nachfolgende Punkte in einer Bilanz (Aktivseite) zu achten:

zu Punkt 1) Die Aktivseite der Bilanz stellt die Vermögenswerte eines Unternehmens dar. Der Begriff der
"immateriellen Vermögenswerte" beinhaltet zum Beispiel Patente oder Markenrechte, also "nicht greifbare"
Vermögenswerte, die in aller Regel auch schlechter zu veräussern sind wie "fühlbarere" Vermögenswerte
wie Grundstücke, Immobilien oder Maschinen. Integriert in die Aktivposition "immaterielle Vermögenswerte"
kann auch der Goodwill sein. Oder der Goodwill wird zusätzlich zu den eventuell vorhandenen immateriellen
Vermögenswerten als gesonderter Punkt in der Bilanz aufgeführt. Auch der Goodwill, der sich bei einer
Übernahme eines Unternehmens als Differenz zwischen Kaufpreis und Buchwert des gekauften Unternehmens
ergibt, stellt eine Position in der Bilanz dar, die noch viel schlechter veräusserbar ist wie immaterielle
Vermögenswerte. Zwar erscheint mir eine Nennung einer prozentualen Obergrenze an der Bilanzsumme für
beide Positionen zusammen (Goodwill + immaterielle Vermögenswerte) nicht sehr sinnvoll, dennoch
würde ich zumindest den Hinweis geben, dass ab einem Anteil von circa 30 % der Anleger mal genauer
hinschauen sollte, wie werthaltig diese Positionen eventuell sind?
Auf der anderen Seite ist der Anteil an der Bilanzsumme, den die Positionen Goodwill + immaterielle
Vermögenswerte real haben, stark von der Branche abhängig, in dem die Unternehmen tätig sind.
Beispielsweise weisen große Zeitungsverlage oftmals einen sehr hohen Bestand an Goodwill auf, weil diese
in der Vergangenheit massiv kleinere Wettbewerber aufgekauft haben.
Ein anderes Beispiel könnte ein Start - Up Unternehmen sein, welches seinen Wert zu Beginn der Tätigkeit
auf einige Patente stützt. Auch hier ist es dann völlig normal, dass der Anteil der Patente (immaterielle
Vermögenswerte) an der Bilanzsumme deutlich größer ist als 30 %.

zu Punkt 2) Die Vorräte eines Unternehmens sollten kritisch hinterfragt werden, wenn der Anteil der Vorräte
an der Bilanzsumme mehr als circa 30 % ausmacht. Auch hier ist diese Regel nicht als absoluter Grenzwert
zu verstehen, sondern als ein Grund, sich bei Überschreiten von circa 30 % der Vorräte an der Bilanzsumme
kritisch mit den Vorräten und dem Unternehmen zu beschäftigen. Denn auch Unternehmen, deren prozentualer
Anteil der Vorräte an der Bilanzsumme die "Grenze" von 30 % übersteigt, können gute und solide Unternehmen
sein. Auch hier wieder einige Beispiele:
Ein Hersteller von Spielzeugwaren weist einige Wochen/Monate vor Weihnachten oft den höchsten Anteil an
Vorräten auf, da nahezu alle Spielzeughersteller den größten Umsatz im ganzen Jahr durch die Abverkäufe
um Weihnachten herum erwirtschaften. Würde ein Anleger vielleicht in die im November erstellte Bilanz
des Spielwarenherstellers schauen, so wäre ein prozentualer Anteil von Vorräten an der Bilanzsumme über
30 % nicht ungewöhnlich.
Ein weiteres Beispiel:
Es gibt Unternemen, die komplexe Anlagen/Maschinen an ihre Kunden liefern und diese Anlagen/Maschinen
zudem noch beim Kunen individuell anpassen und aufstellen müssen. Auch hier kann es durchaus sein,
dass dann, bedingt durch diesen Umstand, der Anteil der Vorräte an der Bilanzsumme jenseits der 30 %
liegen kann.

zu Punkt 3) Die Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen) beschreiben Ansprüche des Unternehmens
an Dritte. Oftmals werden im Vorfeld eines "Produktverkaufs" Zahlungsziele für den Kunden eines
Unternehmens vereinbart. Je länger sich der Kunde nach einem Kauf eines Produkts/einer Dienstleistung
von einem Unternehmen mit der Begleichung der Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen) Zeit lassen
kann, umso größer (tendenziell) wird der Anteil der Bilanzposition Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen)
an der Bilanzsumme. Auch hier ist es nicht sinnvoll, ähnlich wie unter Punkt 2), einen absoluten Grenzwert für
den prozentualen Anteil der Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen) an der Gesamtbilanzsumme zu
benennen. Vielleicht aber macht es Sinn (zumindest aus meiner subjektiven Sicht), ab einem Grenzwert von
rund 30 % bzw. bei Überschreiten des Grenzwerts, die Position Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen)
kritisch zu hinterfragen.
Auch hier macht es durchaus Sinn, auf Branchenbesonderheiten zu achten, die einen höheren prozentualen
Anteil von Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen) erklärbar machen. Beispielsweise kann es für
Unternehmen der Investitionsgüterbranche oder des Maschinenbaus nicht ungewöhnlich sein, dass der
prozentuale Anteil von Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen) höher liegt als 30 %. Wir stellen uns
dazu einfach ein Unternehmen vor, dass einem Kunden komplexe Anlagen liefert, die beim Kunden erst
zusammengefügt und in Betrieb genommen werden. Wenn Lieferung der komplexen Anlage und Erstbetrieb
der Anlage mehrere Wochen oder gar Monate dauern, wird buchhalterisch zwar eine Forderung
(aus Lieferung und Leistung) erhoben, die aber erst beglichen werden muss (zumindest komplett), wenn
die Dienstleistung des Unternehmens beim Kunden erfüllt ist.
Auf eine weitere mögliche Besonderheit im Zusammenhang mit Forderungen (aus Lieferungen
und Leistungen) sollte der Anleger achten.
Wenn sich der prozentuale Anteil der Forderungen über gleiche Zeitperioden deutlicher erhöht, könnte dies
ein Alarmzeichen sein, dass das Unternehmen (aus welchen Gründen auch immer) Schwierigkeiten haben
könnte, die Forderungen überhaupt einzutreiben. Auch in dieser Situation ist ein kritisches Augenmerk
angebracht.
Last but not least: Innerhalb einer Branche kann der Anleger durchaus prozentuale Anteile von Forderungen
aus Lieferungen und Leistungen miteinander vergleichen. Sind 2 Unternehmen im gleichen Sektor tätig und
liefern das gleiche Produkt, so deutet ein deutlich höherer prozentualer Anteil an Forderungen aus Lieferungen
und Leistungen möglicherweise auf das schwächere Produkt hin!?
Oder umgekehrt: Ein Unternehmen mit gleichen Produkten, aber einem deutlich niedrigerem prozentualem
Anteil an Forderungen (aus Lieferungen und Leistungen) an der Bilanzsumme (im Branchenvergleich) hat
möglicherweise das bessere Produkt und dadurch auch die bessere Marktstellung!?

zu Punkt 4) Flüssige Mittel (wie zum Beispiel Wertpapiere oder Kassenbestand) sind für ein Unternehmen
sehr wichtig. Ein Unternehmen ist darauf angewiesen, dass es ständig liquide bleibt und offene Rechnungen,
falls nötig, direkt bezahlen kann. Andernfalls droht eine Insolvenz, auch wenn das Unternehmen eventuell
noch über hohe Vermögenswerte (wie zum Beispiel wertvolle Grundstücke) verfügt.
Nun kennt die Betriebswirtschaft unterschiedliche Begriffe von Liquidität, die teilweise eine Einschätzung
der Risikosituation eines Unternehmens ermöglichen. Der Betriebswirt unterscheidet zwischen der
A) Liquidität I (Barliquidität)
B) Liquidität II (einzugsbedingte Liquidität)
C) Liquidität III (umsatzbedingte Liquidität)

zu A): Die Liquidität ersten Grades (Barliquidität) ist eine prozentuale Angabe, die sich aus folgender
Formel ergibt:

Barliquidität = (flüssige Mittel / kurzfristiges Fremdkapital ) * 100
Formel zur Berechnung der Barliquidität

 

Anmerkung:
Die flüssigen Mittel finden sich in der Aktivseite einer Bilanz.
Das kurzfristige Fremdkapital muss der Anleger aus dem Anhang des Geschäftsbericht entnehmen.

zu B): Die einzugsbedingte Liquidität (Liquidität zweiten Grades) ist eine prozentuale Angabe, die sich aus
folgender Formel ergibt:

Liquidität II = ( [flüssige Mittel + Forderungen] / kurzfristiges Fremdkapital ) * 100
Formel zur Berechnung der Liquidität II

Zur Liquidität zweiten Grades gibt es die Faustformel, dass diese mindestens 100 % betragen sollte!

zu C): Die umsatzbedingte Liquidität (Liquidität dritten Grades) ist eine prozentuale Angabe, die sich aus
folgender Formel ergibt:

Liquidität III = ( Umlaufvermögen / kurzfristiges Fremdkapital ) * 100
Formel zur Berechnung der Liquidität III

Bei der Liquidität dritten Grades existiert die Faustformel, dass diese mindestens 200 % betragen sollte!

zu Punkt 5) Die aktiven latenten Steuern finden sich im Gegensatz zu den passiven latenten Steuern auf
der Aktivseite einer Bilanz wieder. Aktive latente Steuern stellen einen Zahlungsanspruch an das Finanzamt
dar, der bei bestimmten Gegebenheiten eingelöst werden kann. Das heisst also etwas salop formuliert:
Das Unternehmen erhält vom Finanzamt in der Zukunft noch Geld.

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